Stammtisch mit Charakterköpfen: Die Denkmalpflege am Fachwerkhaus auf dem Prüfstand

Stammtisch mit Charakterköpfen: Die Denkmalpflege am Fachwerkhaus auf dem PrüfstandWächtersbach. Der Altstadtförderverein Wächtersbach freute sich sehr, Julia Beiderlinden am 20. Dezember als Referentin beim Stammtisch „mit Charakterköpfen“ begrüßen zu dürfen.

Im Café Tally’s trafen sich Interessierte, die Anteil nahmen an der Weiterentwicklung unserer historischen Fachwerk-Altstädte. Schließlich ist Denkmalpflege am Fachwerkhaus eine komplizierte Angelegenheit. So wurden verschiedene Aspekte besprochen und engagiert diskutiert. In den Mittelpunkt der Debatte geriet die Frage, wann Fachwerk, das in den letzten Jahrzehnten freigelegt wurde, wieder verputzt werden sollte – das besonders mit Blick auf die Kratzhage am Gelnhäuser Untermarkt.

Frau Beiderlinden ist Bauingenieurin und Projektentwicklerin. Zunächst war sie in Frankfurt 21 Jahre lang Bauunternehmerin und danach Referentin für „Neues Bauen“ bei der Stadt Frankfurt am Main.

Ursprünglich stamme sie aus dem Taunus, sei aus privaten Gründen nach Gelnhausen gekommen und hat hier Fuß gefasst. Ihre Leidenschaft ist es, historische Gebäude zu sanieren und damit zukunftsfähig zu machen. In die öffentliche Aufmerksamkeit geriet zunächst ihr Vorhaben, die Wächtersbacher Rentkammer zu sanieren. Hier haben sich die Pläne inzwischen geändert, so dass sie dort außen vor blieb. Nun aber schickt sie sich an, die Kratzhage am Gelnhäuser Untermarkt zusammen mit zwei rückwärtig verbundenen Gebäuden an der Petersiliengasse zu sanieren, genannt der „Petersilienmarkt“. „Warum mache ich das?“ So fragte Frau Beiderlinden in die Runde und gab die Antwort: Sie wolle ein Vorbild sein und den Beweis antreten, dass eine denkmalgerechte Sanierung mit originalen Baustoffen zu bezahlbarem Wohnraum führen kann. So möchte sie nachhaltiges Bauen mit sozialer Verantwortung zusammenführen. Gedacht sei an „alternative Wohnformen“. Eine Machbarkeitsstudie, die das Programm LEADER fördert soll prüfen, ob gemeinschaftliches Wohnen in den drei Kulturdenkmälern organisiert werden kann.

Grundlage ist ein bauhistorisches Gutachten des Landesamts für Denkmalpflege Hessen. Sicher ist: In das mittelalterliche Erdgeschoss der Kratzhage soll wieder Gewerbe einziehen: „In das Erdgeschoss gehört Gewerbe, sonst sterben die Innenstädte“. Hier waren sich die Teilnehmer einig, nicht nur mit Blick auf das aktuelle Malheur in der Gelnhäuser Seestraße.

Frau Beiderlinden möchte ihrer Vorbildwirkung auch dadurch gerecht werden, dass sie die Kosten am Ende offenlegt. Aktuelle Herausforderungen in der Kratzhage seien nicht nur der schlechte Zustand des Fachwerks, sondern auch eine öffentliche Entwässerungsleitung durch das Gebäude, die erst saniert werden musste. Nun ist der Bauantrag eingereicht.

Wichtig war Frau Beiderlinden die Frage, wie die Teilnehmer zu den angedachten „alternativen Wohnformen“ stünden. Dazu ist sicherlich anzumerken, dass einer liebevollen Sanierung eines Baudenkmals auch eine liebevolle, verantwortungsbewusste Nutzung folgen muss.

Der Stammtisch schloss aber auch nahtlos an die Diskussionen an, die der Altstadtförderverein an selber Stelle im Mai führte: In Wächtersbach stehen gerade einige Sanierungsarbeiten an, etwa am Untertor 1. Dort bleibt das Fachwerk selbstverständlich freigelegt. Anders in Gelnhausen: Das Zierfachwerk am Fürstenhof, ein Gebäude an der Ostzeile des Obermarkts und nun die Kratzhage: Das Fachwerk ist bereits oder soll nun verputzt werden. Das Fachwerk am Obermarkt prägt das Stadtbild und ziert immerhin die Titelseite von Daniel Glöckners Stadtführer sowie städtischer Einladungskarten. Immer häufiger hört man als Begründung, diese Fachwerkhäuser seien „früher immer“ verputzt gewesen. Auch Frau Beiderlinden schloss sich dieser Begründung an und zeigte 60 Jahre alte Fotos von verputzten Fachwerkhäusern. Teilnehmer gaben zu bedenken, wenn man das erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liebevoll freigelegte Fachwerk wieder verputze, sterbe der Charme unserer Fachwerkstädte. Ein historischer Zustand sei nicht immer ein wünschenswerter Zustand. Auch frühere Generationen hätten Fehler gemacht. In der beinahe 800-jährigen Geschichte des Fachwerkbaus gab es zwei große Verputzungswellen: Ab etwa 1650 verputzte man aus Angst vor den absolutistischen Herrschern, führte aber den repräsentativen fränkischen Zierfachwerkbau fort. Im Klassizismus um 1800 verputzte man aus Scham – Fachwerk war aus der Mode geraten. Gleichwohl führte man auch damals den unverputzten Funktionsfachwerkbau fort. Es wurde davor gewarnt, nun in eine dritte Verputzungswelle des 21. Jahrhunderts zu verfallen. Energetische Sanierungs- und Brandschutzargumente können hierfür nicht herangezogen werden – darüber bestand Einvernehmen. Frau Beiderlinden wurde gebeten, nicht auf ahistorische Argumente zu vertrauen, sondern sich die „mächtigen Balken“ (so das Denkmalverzeichnis) der Kratzhage noch einmal daraufhin anzusehen, ob sie nicht eher zur Zierde des Untermarkts dienen.

Frau Beiderlinden verabschiedete sich schließlich aus Wächtersbach – zwar von den leidenschaftlichen Diskussionen überrascht, aber doch bestätigt in ihrer Sanierungstätigkeit.

Der nächste Stammtisch findet am 24. Januar, um 15 Uhr, wieder im Café Tally´s statt. Mit Jan Volkmann als Gast wird das Thema die Parkplatzsituation in der Altstadt und die Stadtentwicklung im Allgemeinen sein. Alle interessierten Bürger sind herzlich eingeladen.